Richtlinien zum Erwerb des Qualitätsnachweises "Qualifizierte Botulinumtoxintherapie"

Arbeitskreis Botulinumtoxin (AkBoNT) der Deutschen Gesellschaft für Neurologie

Sitz: Reinhardtstraße 27c, 10117 Berlin, info@botulinumtoxin.de, www.botulinumtoxin.de

Präambel

Intramuskuläre und subkutane Injektionen von Botulinumtoxin stellen die Therapie erster Wahl bei einer Reihe von Erkrankungen dar, die entweder mit einer fokalen muskulären Hyperaktivität oder einer Hyperaktivität sympathischer Efferenzen einhergehen. Auf dem Boden weitreichender klinischer Erfahrungen und randomisierter plazebokontrollierter klinischer Studien ist die Botulinumtoxintherapie in vielen Ländern bei der zervikalen Dystonie, beim Blepharospasmus, Spasmus hemifacialis, bei fokalen Spastizitätssyndromen und jüngst auch bei der Hyperhidrose zugelassen. Für Indikationen, die noch im Rahmen von Heilversuchen mit Botulinumtoxin behandelt werden, liegen umfangreiche klinische Studien vor, die in der Zukunft zu einer Erweiterung des zugelassenen Indikationsspektrums von Botulinumtoxin-Injektionen führen werden. Auf dem Boden des nicht unerheblichen Nebenwirkungsspektrums und der ausgeprägten Abhängigkeit der Wirksamkeit der Therapie vom Erfahrungs- und Ausbildungsstand des Therapeuten ergibt sich die Notwendigkeit zur Qualitätssicherung dieser überaus wirksamen, aber auch nicht ungefährlichen Therapie, ein standardisiertes Ausbildungscurriculum sowie Kriterien für den Erhalt eines Qualitätsnachweises zur qualifizierten Botulinumtoxintherapie zu etablieren. Die vorgeschlagenen Richtlinien wurden in Abstimmung mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie durch den Arbeitskreis Botulinumtoxin erarbeitet.

Grundvoraussetzungen

Der Qualitätsnachweis kann erworben werden durch Fachärztinnen und Fachärzte, die bei Beginn der Ausbildung bereits über eine mindestens dreijährige klinische Ausbildung verfügen und im Rahmen dieser Tätigkeit Kenntnisse zur Pathophysiologie, Klinik und gängigen Therapie von Dystonien, spastischen Syndromen und vegetativen Funktionssyndromen (Bescheinigung des klinischen Ausbilders) erworben haben.

Elemente des Ausbildungscurriculums

Neben der bereits absolvierten klinischen Ausbildung beinhaltet das Curriculum zur zertifizierten Durchführung der qualifizierten Botulinumtoxintherapie

(1) eine Basisausbildung mit Konzentration auf die theoretischen Grundlagen der Botulinumtoxintherapie

(2) eine praxisorientierte Ausbildung durch kontinuierliche Tätigkeit bzw. Hospitationen in einem zertifizierten Behandlungszentrum oder durch Teilnahme an praxisorientierten zertifizierten Ausbildungssymposien und

(3) eine erfolgreiche eigenständige Durchführung der Botulinumtoxintherapie an einer vorgegebenen Zahl von Patienten mit standardisierter Dokumentation des Behandlungsplanes, des zur Anwendung gekommenen Injektionsschemas und der Quantifizierung der Behandlungserfolge sowie der aufgetretenen Nebenwirkungen.

1. Basisausbildung

Die Basisausbildung dient dem Erwerb der Grundlagenkenntnisse zur Durchführung der Botulinumtoxintherapie bei zervikalen Dystonien, Blepharospasmus, Spasmus hemifacialis, spastischen Syndromen und der Hyperhidrose. Vermittelt werden sollen die Pharmakologie der Botulinumtoxin-Wirkung, die spezielle Klinik der zu behandelnden Syndrome, die Algorithmen für die Erstellung von Behandlungsplänen, der Injektionsstrategien und -techniken auf der Basis der speziellen Anatomie, der Dosis-Wirkung-Beziehung, der Genese und Behandlung von Nebenwirkungen sowie die Erkennung von sekundärem Therapieversagen auf dem Boden einer Antikörperbildung. Die theoretische Ausbildung umfasst dabei die Module Anatomie (A, mindestens 4 Credits), Grundlagen (B, mindestens 2 Credits), Klinik (C, mindestens 4 Credits pro beantragte Indikationen), Diagnostik (D, mindestens 4 Credits indikationsspezifisch und 2 allgemein) und Extras (E, mindestens 4 Credits).

2. Praxisorientierte Fortbildungsveranstaltungen, kontinuierliche Tätigkeit bzw. Hospitation in zertifizierten Behandlungszentren

Dieser Abschnitt des Curriculums umfasst eine kumulative Ausbildungsdauer von 24 Stunden. Anerkannt werden die Teilnahme an praxisorientierten zertifizierten Fortbildungen (Teilnahmebescheinigung und Programmdarstellung) bzw. Hospitationen in zertifizierten Behandlungszentren (Bescheinigung des Leiters eines zertifizierten Ausbildungszentrums). Die Zertifizierung einer praxisorientierten Fortbildung wird auf Antrag der Organisatoren nach Prüfung durch den Vorstand des Arbeitskreises vollzogen. Bei Absolvierung dieses Ausbildungsschrittes muss sichergestellt sein, dass die verschiedenen beantragten Behandlungsindikationen adäquat repräsentiert sind. Die Ausbildung kann ausschließlich durch Hospitationen oder Besuch von praxisorientierten Ausbildungsveranstaltungen oder auch durch Kombination dieser Ausbildungselemente vollzogen werden.

Bei Antragstellung muss eine mindestens einjährige Tätigkeit in einer Botulinumtoxin-Ambulanz oder bei einem zertifizierten Ausbilder nachgewiesen werden (die nachgewiesene Zeit kann vor dem Erhalt der Facharztbezeichnung abgeleistet worden sein).

3. Selbständige Durchführung der Botulinumtoxintherapie mit Dokumentation des Behandlungsplanes, des Injektionsschemas, der Erfassung des Therapieeffektes sowie der aufgetretenen Nebenwirkungen

Nach Absolvierung der Ausbildungsabschnitte zu 1. und 2. sollen eigenständig mindestens 20 Patienten pro angestrebte Indikation über mindestens 3 Injektionsintervalle dokumentiert werden. Auf dem Boden einer standardisierten Dokumentationsstrategie (wird durch den Arbeitskreis vorgegeben) wird durch den Vorstand des Arbeitskreises die ordnungsgemäße Durchführung der Botulinumtoxintherapie attestiert. Bei inadäquater Durchführung oder Dokumentation der selbständig behandelten Patienten kann der Vorstand eine Nachdokumentation bzw. die selbständige Behandlung weiterer Patienten vor Erhalt des Qualitätsnachweises empfehlen.

4. Umfang des Qualitätsnachweises

Es kann sowohl der Qualitätsnachweis für alle zugelassenen Indikationen als auch für einzelne zugelassene Indikationen beantragt werden. Die Beantragung eines Qualitätsnachweises für spezifische Indikationsbereiche ist insbesondere dann sinnvoll, wenn der Antragsteller in Teilbereichen des neurologischen Fachgebietes tätig ist oder sich in einer Gebietsarztausbildung für Augenheilkunde, rehabilitative Medizin, Orthopädie, Dermatologie, Allgemeinmedizin etc. befindet. In diesem Falle können sich die Elemente der Basisausbildung, der Absolvierung praxisorientierter Fortbildungsveranstaltungen bzw. einer Hospitation an zertifizierten Behandlungszentren und der selbständigen Durchführung der Botulinumtoxintherapie auf den beantragten Bereich konzentrieren (Basisausbildung 4 Stunden/Indikation; praxisorientierte Ausbildung und eigenständige Durchführung der Botulinumtoxintherapie nur für die beantragten Indikationen).

Das Zertifikat ist untergliedert in Fachrichtungen resp. Indikationen und limitiert auf die zugelassenen Indikationen

- Spasmus hemifacialis und Blepharospasmus
- zervikale Dystonie
- Spastik obere Extremität
- Spastik untere Extremität
- Migräne
- Hyperhidrosis
- Detrusorhyperaktivität

5. Beantragung und Erteilung des Qualitätsnachweises

Nach Ableistung der Ausbildung zu 1. bis 3. kann die Erteilung des Qualitätsnachweises "Qualifizierte Botulinumtoxintherapie" beim Vorstand des Arbeitskreises Botulinumtoxin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie beantragt werden. Folgende Unterlagen müssen vorliegen.

(a) Curriculum vitae

(b) Bescheinigung über die Ableistung einer mindestens dreijährigen klinischen Ausbildung

(c) Teilnahmebescheinigungen und Programmdarstellungen zur Basisausbildung

(d) Teilnahmebescheinigung und Programmdarstellung bzw. Bescheinigung des Leiters eines zertifizierten Ausbildungszentrums zum Ausbildungselement zu 2.

(e) vollständige Dokumentation über die selbständige Durchführung der Botulinumtoxintherapie
(Patientendaten bitte anonymisieren).

Unterlagen senden an

Arbeitskreis Botulinumtoxin der DGN
Reinhardtstr. 27 c
10117 Berlin
E-Mail: info@botulinumtoxin.de

Der Qualitätsnachweis wird je nach Antragstellung für alle zugelassenen Indikationen oder für spezielle Indikationsbereiche nach mehrheitlichem Beschluss des Vorstandes des Arbeitskreises Botulinumtoxin erteilt. Das Zertifikat gilt für zehn Jahre und kann danach auf Antrag verlängert werden (Nachweis der regelmäßigen Anwendung von Botulinumtoxin).

 

Mannheim, 21.09.2016